Nacht der Bibliotheken

Andreas Bialas begrüßt Bibliotheksfreunde in Oberhausen

Lesen Sie hier die Rede von Andreas Bialas, dem kulturpolitischen Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag NRW und Präsident des Verbandes der Bibliotheken des Landes Nordrhein-Westfalen, vom 10. März 2017 im Wortlaut:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

ich darf Sie zu einer der schönsten Veranstaltungen im zweijährigen Kalender NRWs begrüßen. Sie haben eine gute Wahl getroffen. Sie treffen immer eine gute Wahl, wenn Sie in eine Bibliothek gehen. Hier ist Wissen, hier ist Kontroverse, hier ist mitunter Weisheit, hier ist Schönheit, hier ist Geschichte und Zukunft und eine höchst attraktive Gegenwart. Erst recht, da sie heute so zahlreich hier anwesend sind.

Lassen Sie mich zwei Gedanken zu Europa und unsere aktuelle Situation äußern, da wir mit Martin Schulz, unserem Schirmherr der diesjährigen Veranstaltungen, nicht den SPD Kanzlerkandidaten aussuchten, sondern den Präsidenten und damit Repräsentanten des Europäischen Parlamentes.

  1. Wir können unsere Welt gestalten

Menschen sind nicht Allmächtig, sie sind aber auch nicht ohnmächtig. Menschen, auch politische Organisationen, haben die nationalstaatlichen und  europäischen Realitäten geschaffen. Freiheit, Demokratie, Sozialstaat. Das waren keine Naturgewalten, vermutlich keine Götter, es waren Menschen.

Wir können verändern, bewahren, gestalten und bewegen. Unsere Erfahrung ist hier: Politik wirkt. Also: Politik als Orte des Aushandelns unterschiedlichster Interessen im Hinblick auf die immer wieder existentiellen Fragen: Wie wollen wir mit uns selbst leben und wie wollen wir mit dem Anderen leben? Also die Fragen: Wie klappt’s mit mir und wie klappt’s mit dem Nachbarn?

Staatliches Handeln trägt zur Lösung dieser Fragen bei, als ein Baumeister im größeren Gesamtkontext. Aber: Gerechtigkeit ist nicht nur der Akt der Rechtsetzung und der Durchsetzung, Gerechtigkeit ist ein Wert, der von uns allen in all unseren Lebensbezügen auch aktiv gelebt werden muss.

Solidarität ergibt sich aus der Sozialstaatlichkeit und politischem Vorgehen, natürlich auch aus finanziellen Zuwendungen aber eben auch aus der Ausgestaltung des eigenen alltäglichen Lebens in unseren eigenen sozialen Bezügen und Haltungen, in unseren Familien, im Freudenskreis, der Nachbarschaft, in der Arbeitswelt, in Vereinen, usw. Pluralität und Toleranz findet in Gestaltung und Gesetz Aufmerksamkeit und natürlich auch in unser aller tagtäglichem Handeln.

Das führt dazu, dass jeder auf die ein oder andere Art und Weise gefordert ist. Demokratie, Sozialstaat, Rechtsstaat, all das ist keine Ruhekissen, ist kein Schaukelstuhl. Alle sind stets gefordert. Alle gestalten. Alle sind Politiker.

In Bibliotheken kann man immer sagen: In den Büchen steht: Mach mit. Tu was. Sei dabei. Oder kurz und knapp: „Die Vernünftigen müssen sich unterhaken, sonst haben die Bekloppten das Sagen.“

  1. Vergewisserung von Selbstverständlichkeiten

Bisher lebten wir weitestgehend in gewissen beruhigenden Selbstverständlichkeiten. Wir verstehen uns ja, zumindest mehrheitlich, als freie Individuen in einer solidarischen Gemeinschaft in einem sozialen Rechtsstaat in einem offenen Europa in einer mehr oder weniger friedlichen Welt.

Manch einer hat das Gefühl, dass es das nicht mehr gibt. Viele sind derzeit unterwegs, dieses Gefühl des Verlorengehens mit Fakten zu untermauern. Einige halten das auch nicht mehr für erstrebenswert. Was beobachten wir: Trump und Erdogan und der Abbau von Demokratie und Freiheit, Orban und der Verfall von Sitte und Moral, Brexit, Wilders, Le Pen, das Gebaren einer nationalkonservativen Partei in Polen, für die man gar keinen besseren Namen hätte finden können. Aber auch bei uns. „Wir haben mit unseren Händen die schönsten Welten zertrümmert“, Nazim Hikmet gemahnt uns. Es stellt sich dann aber für uns die Frage: Blicken wir voller Passivität und Faszination auf die Abrissbirnen um uns herum oder stellen wir uns aktiv darauf ein, unsere scheinbaren Selbstverständlichkeiten zu verteidigen und neu zu erkämpfen?

Deutschland, aber nicht jeder Bürger dieses Landes, ist der Gewinner der Globalisierung, Gewinner des Euro, ist der Gewinner der offenen Grenzen in Europa, der Einbindung in die EU und die NATO, der engen Kooperation und Freundschaft mit möglichst vielen Staaten. Wer an ein isoliertes Deutschland, ein Deutschland für sich, ein Deutschland vor allen anderen glaubt, der will dieses Land bewusst oder unbewusst in die Isolation, in die Katastrophe, in die Armut, in die Schwäche führen.

Unsere Stärke ist die Einbindung in Allianzen. Unsere Stärke ist die Kenntnis unserer Geschichte und das kluge Handeln, abgeleitet aus den Erkenntnissen aus dieser Geschichte. Unsere Stärke ist das Arbeiten an der sozialen Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft. Unsere Stärke ergibt sich aus Toleranz und Pluralität und individueller Freiheit. „Kein Lebendges ist ein Einzelnes, Immer ists ein Vieles“, so Goethe und das Kulturbild der Weimeraner als das des humanen Weltbürgers.

Das steht uns gut zu Gesicht.

Lassen Sie uns miteinander dafür eintreten.

Ich eröffne voller Freude und Stolz die Nacht er Bibliotheken. Haben Sie bei uns eine gute Zeit. Kommen Sie wieder oder besser noch – ziehen sie einfach hier ein.“